Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 2. MKS


Joachim M. Schmitt (BVMed)


Mit dem 2. Münchner Klinik Seminar wurde erneut die Notwendigkeit für einen offenen Gesprächsaustausch zwischen Vertretern der Klinikverwaltung, der Medizin und der Industrie deutlich dokumentiert.


Im Mittelpunkt stand dabei das Aufzeigen der großen Herausforderungen, die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in der Gesundheitsbranche in den kommenden Jahren auf uns zukommen werden. Analysen und Prognosen über das Veränderungspotential einer "elektronischen Gesundheitsreform" führten zu einem überaus regen Gedankenaustausch zwischen Referenten und Teilnehmern, wie Klinik, Industrie und Handel künftig den elektronischen Strukturwandel gemeinsam erfolgreich bewältigen können.


Die Veranstaltung war in vier Panels gegliedert.


Panel 1


E-Commerce ist keine neue Wirtschaft und E-Health keine neue Medizin. Beide Begriffe stehen für den Einsatz von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im Handel mit Produkten und Dienstleistungen, letzteres speziell in der Gesundheitsversorgung.


Aus Sicht der Krankenhäuser sind die Thesen von Kostenreduktionen durch E-Commerce keineswegs verifiziert. Einen Nutzen sieht man in Verbindung mit dem Internet durch die Schaffung größerer Transparenz auf den Märkten bei Preisvergleichen und Beschaffung.


Aus Sicht der Industrie realisiert vor allem das Optimieren des Prozesses "Beschaffung" wirtschaftliche Spielräume.


Konsens besteht nahezu bei allen Beteiligten, dass die Aufbereitung von Gesundheitsdaten stark entwicklungsbedürftig ist, gleichzeitig aufgrund der hohen Sensibilität des Datenmaterials die Nutzung im Internet zurzeit noch nicht ausreichend Sicherheit bietet.


Panel 2


Der EURO sowie die weitere EU-Integration werden zunehmend eine Annäherung der verschiedenen Sozial- und Gesundheitssysteme mit sich bringen.


Die künftige Vergleichbarkeit von Kosten, Nutzen, Effizienz und Qualität sozialer Sicherheit erzwingt geradezu eine fortschreitende Konvergenz der Systeme.


Die Auswirkungen der Einführung des EURO werden zu einer erhöhten Preis- und Kostentransparenz führen. Auch dies bestärkt die Erwartung einer mittelfristigen Angleichung nationaler Preisunterschiede wie auch der national unterschiedlichen Versorgungsstrukturen. Mit retardierenden Effekten ist allerdings aufgrund der Sprachbarrieren und der Mentalitätsunterschiede zu rechnen.


Der elektronische Strukturwandel wird den gemeinsamen Integrationsprozess zu einem europäischen Gesundheitsmarkt insgesamt positiv beeinflussen.


Dies gilt auch für den Bereich der Telemedizin. Der Einsatz von Telemedizin kann die Kosten im Gesundheitswesen bei gleichem oder sogar erhöhtem Nutzen senken. Das hat eine kürzlich durchgeführte Studie gezeigt, bei der die Kosten/Nutzen-Relationen beim Einsatz der Telemedizin bewertet wurden. Probleme für den breiten Einsatz dieser neuen Technologie bereiten die zurzeit noch relativ hohen Investitionskosten.


Bei der Robotik fehlen bis dato noch schlüssige Kosten/Nutzen-Betrachtungen. Grundsätzlich konnte in der Studie für fast alle Verfahren festgestellt werden, dass die Kosten zwar relativ hoch sind. So wurden nur wenige Verfahren als kostengünstiger als der derzeitige Standard eingestuft. Durch die hohe Präzision der Operationsroboter ist jedoch auch ein höherer medizinischer Nutzen erreichbar. Ob und wie sich die Robotik rechnet, kann aufgrund fehlender Langzeitergebnisse momentan noch nicht bewertet werden.


Gefragt und politisch erwünscht sind echte Sprunginnovationen mit hohem medizinischem Zusatznutzen, die die bisherigen Standardverfahren möglichst verbilligen.


Panel 3


Die begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen erfordern innovative Vertragsgestaltungen mit Möglichkeiten einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit eines Krankenhauses mit Lieferanten mit unterschiedlichen Zielsetzungen, aber gemeinsamen Vorteilen.


Innovative Vertragsformen wie Capitation-Vereinbarungen, indikations- bzw. artikelbezogene Budgetvereinbarungen und Risk-Sharing-Konzepte werden künftig breitere Anwendung finden. Gleiches gilt auch für Leasing- und Nutzungsverträge sowie Outsorcing in speziellen Bereichen.


Panel 4


Bei allen Überlegungen muss die Qualität im Vordergrund stehen. Health Technology Assessment (HTA) und Evidence-based Medicine sind hierbei die aktuellen Schlagwörter. Aber auch ärztliches Controlling gehört dazu. Und das heißt, dass ärztliche Entscheidungen immer auch mit betriebswirtschaftlichen Konsequenzen verbunden sind. Postuliert wird daher, dass ärztliche Führungsverantwortung neben der Verantwortung für medizinische Qualität auch die Verantwortung für die Kosten dieser Qualität beinhalten muss.


Wenn auch nicht auf der Tagesordnung, so beschäftigten sich mehrere Referenten mit dem geplanten neuen Patientenklassifizierungssystem, dem G-DRG-System. Obwohl als System generell als Schritt in die richtige Richtung begrüßt, wird von vielen der von den Krankenkassen künftig erwartete Kostendämpfungseffekt angezweifelt.


In weiteren Referaten wurde anschaulich vorgetragen, wie in den Bereichen der Chirurgie und Kardiologie die Telemedizin einen Beitrag leisten kann, Qualität und Effizienz der Behandlung der Patienten zu verbessern.


Abschließende Bemerkungen


Der Durchbruch telemedizinischer Dienste wird nach industrieller Einschätzung in den nächsten Jahren erfolgen. Die Vision der Gesundheitstelematik wird dann Realität, nämlich medizinische Informationen, Gesundheitsdaten oder Verwaltungsparameter auf elektronischem Weg zur Ableitung therapeutischer oder sonst geldwerter Konsequenzen zwischen allen heterogenen organisierten Akteuren des Gesundheitswesens sicher, geschützt und beweisbar zu übermitteln.


Die Intensität der Industrie in der Rolle des Beraters über die optimale Nutzung vorhandener medizinischer Technik bei den Leistungserbringern wird sich erheblich verstärken.


Das Internet in Verbindung mit Portalen und Plattformen wird die Schnittstellen zwischen allen Beteiligten reduzieren und als interaktives Informationsmedium einen starken kontinuierlichen Aufschwung erhalten. Die Optimierungspotentiale liegen auf der Hand: Geschwindigkeit, Organisation, (Prozess-)Kostensenkung.


Wir müssen die technischen Barrieren zwischen den unterschiedlichen Systemlandschaften in den Krankenhäusern und der Industrie überwinden, damit Wissensmanagement Realität wird. Wir müssen die Netzwerke des Wissens miteinander verknüpfen.


Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass die Ausgaben für Gesundheit in Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten steigen werden. Die demographische Entwicklung, der medizinische und medizintechnische Fortschritt sowie der geänderte und erweiterte Gesundheitsbegriff in Richtung "mehr Wohlbefinden" werden ihren Beitrag dazu leisten.


Die Menschen wollen möglichst lange gesund leben und Krankheit - wenn überhaupt - erst am Ende des Lebens und dann möglichst kurz erdulden müssen.


Das wirft die Frage der Finanzierbarkeit des medizinisch und medizintechnisch Machbaren auf - insbesondere in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem. Mit diesen Problemen muss sich auch die neue Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt beschäftigen. Angetreten ist sie mit den Worten:


"Wir müssen den Menschen auch die Sicherheiten geben, dass wir in Zukunft die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems durch Innovation und Umgestaltung erhalten, sichern und fortentwickeln wollen. Wir schaffen Vertrauen durch eine Gesundheitspolitik des offenen Dialogs, der sachverständigen Entscheidung, der Berechenbarkeit der Handlungen und der Konsistenz der Ziele. Die ruhige Hand und nicht die hektische Bewegung ist gefragt."


Zu den Grundvoraussetzungen gehören:


Die solidarische Finanzierung gilt es auch in Zukunft zu erhalten, wenngleich Modifikationen mitgedacht werden müssen.


Die Bereitstellung des medizinisch Notwendigen bleibt zentrales Element bundesdeutscher Gesundheitspolitik und den Patienten Auswahlmöglichkeiten an die Hand zu geben, gehört ebenso hierzu wie die Sicherung der Qualität der Leistungen.


Zu den vordergründigen Hauptaufgaben gehören:


  • Aufbau neuer institutioneller Strukturen
    (DRG-Systemzuschlagsgesetz, neue Bundesentgeltverordnung)
  • Reform des Risikostrukturausgleichs (RSA)
  • Datentransparenzgesetz
  • Weiterentwicklung Pflegeversicherung
  • Gentechnik

Von herausragender Wichtigkeit für den Krankenhausbereich wird hierbei die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für die Einrichtung des deutschen DRG-Systems sein. Nur ein Thema, bei dem noch viele Fragen offen sind, die wir weiter diskutieren, bearbeiten und zu dem wir gemeinsam Lösungen finden müssen - auch im nächsten Jahr. Hierzu wird das 3. Münchner Klinik Seminar wieder eine ausgezeichnete Plattform für die im Gesundheitsmarkt Verantwortlichen bilden.

 


Wiesbaden, im Februar 2001

Copyright © 2021 AD REM TEAM München
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü